Der Beat des Büros


Der nach­fol­gende Text ist gemein. Die Per­so­nen darin sind frei erfun­den, wenn­gleich die Gescheh­nisse von rea­len Ereig­nis­sen inspi­riert sind. Ähnlich­kei­ten mit ech­ten Men­schen oder Kol­le­gen sind nur zufäl­lig und nicht beab­sich­tigt.

Büro­an­ge­stellte ken­nen das: Man kommt mon­tags kurz vor acht in die Firma mit dem fes­ten Vor­satz, es heute lang­sam anzu­ge­hen. Schließ­lich will man als vor­bild­li­cher deut­scher Arbeit­neh­mer die Ener­gie gleich­mä­ßig über die ganze Woche ver­tei­len, um ein homo­ge­nes Arbeits­ni­veau zu erzie­len. Aber dunkle Mächte haben sich bereits ver­schwo­ren um sicher­zu­ge­hen, dass man um 17 Uhr das Büro nicht zufrie­den ver­las­sen wird, son­dern als nerv­li­ches Wrack.

Kürz­lich hatte unser Chef die bahn­bre­chende Idee, ein paar der Mit­ar­bei­ter umzu­set­zen; schließ­lich musste jeder von uns im Jahr davor nur sie­ben Mal das Büro wech­seln — viel zu wenig. Obwohl er das super fand, konnte ich seine Eupho­rie nicht ganz nach­voll­zie­hen, denn ich mochte mein klei­nes Zweier-Büro. Ehr­lich. Das war zwar direkt gegen­über vom Klo, aber dafür gemüt­lich klein und abge­schie­den. Und in einer Firma mit soge­nann­ter “Open Door-Policy” ist Abge­schie­den­heit ein ech­ter Segen.

An die­sem Tag ärgerte ich mich nicht wei­ter dar­über und ging kom­men­tar­los in mein neues, grö­ße­res Büro, in dem drei Schreib­ti­sche stan­den. Beim Ein­tre­ten nahm ich wohl­wol­lend zur Kennt­nis, dass noch kei­ner der neuen Sitz­nach­barn ein­ge­trof­fen war und igno­rierte geflis­sent­lich den Licht­schal­ter, da mir das Zwie­licht der ein­fal­len­den Mor­gen­däm­me­rung als Licht­quelle völ­lig aus­reichte. Immer­hin war es Mon­tag früh, da will man lang­sam in die Woche ein­stei­gen und die nebu­lö­sen Reste der Wochendstim­mung nicht durch Hel­lig­keit verjagen.

Wäh­rend ich die Daten­bank star­tete, kam der erste Kol­lege ins Zim­mer und fragte, ob ich denn etwas gegen das Anschal­ten des Lich­tes hätte. Ich bejahte dies in gewohnt gereiz­tem Montagmorgens-Tonfall, wonach er ohne wei­tere Ein­wände sei­nen PC hoch­fuhr und anfing, laut­stark in einem Bon­bon­tüt­chen zu kru­scheln. Es war eines die­ser Tüt­chen aus vio­lett glän­zen­dem Kunsstoff, die extra so beschich­tet wer­den, um schon bei leich­ten Berüh­run­gen mög­lichst viel Krach zu ver­ur­sa­chen. Nach zwei Minu­ten Gekru­schel lief einer der Pro­jekt­lei­ter an der offe­nen Tür vor­bei und drückte bei­läu­fig auf den Licht­schal­ter. Wun­der­schö­nen guten Mor­gen, dachte ich.

Im Laufe des Mor­gens ent­puppte sich mein neuer Nach­bar als Quell der Inspi­ra­tion für das krea­tive Töten von Arbeits­kol­le­gen. Nach­dem die leere Plas­tik­tüte im Papier­korb gelan­det und das letzte Bon­bon zwi­schen sei­nen Zäh­nen zer­knirscht und abschlie­ßend mit einem genüss­li­chen Schmat­zen bedacht wor­den war, nahm er ohne Umschweife den ers­ten Kun­den tele­fo­nisch auf’s Korn und glänzte wäh­rend des Gesprächs mit sei­ner aus­ge­feil­ten Fähig­keit des akti­ven Zuhö­rens. Auf inter­es­sier­tes “Hm-hm” folgte ein nach­denk­li­ches “Hm-hmm…”, gejagt durch schal­len­des “Äh, ja genau!” oder wahl­weise “Ja! Jaaa, genau!”, wobei er sich durch über­mo­ti­vier­tes, hys­te­ri­sches Geki­cher die Sym­pa­thie des Gesprächs­part­ners zu erschlei­chen ver­suchte. Zeit­gleich schwandt sein Sym­pa­thie­le­vel bei mir. Ich schrieb sei­nen Namen auf die Montags-Todesliste.

Wäh­rend der Kol­lege längst zur Hoch­form auf­ge­lau­fen war, erwachte der Rest der Firma lang­sam zu reger Betrieb­sam­keit. Durch die offe­nen Türen der ande­ren Büros hörte ich, wie sich die Kol­le­gen unter­hiel­ten, tele­fo­nier­ten und auf ihre Tas­ta­tur ein­häm­mer­ten. Es war der mono­tone Beat der Büro­ar­beit, der aus Locher-Percussion, Kugelschreiber-Geklicke und Ordner-Klappgeräuschen bestand und nun begann — mitt­ler­weile war es kurz nach halb neun — meine Ner­ven mit stoi­scher Gleich­gül­tig­keit zu quä­len. Nur noch acht­ein­halb Stun­den bis Fei­er­abend, ging es mir durch den Kopf, als die Sekre­tä­rin des Chefs an unse­rem Open Door-Policy-Büro vor­bei­s­tie­felte, gerüs­tet mit einem Arse­nal aus Rin­gen, Ket­ten und Schlüs­seln, die sie klim­pernd als audi­tive Ner­ven­ver­nich­tungs­waf­fen ein­setzte. Ich ver­suchte erst gar nicht, mich auf die Arbeit zu kon­zen­trie­ren, und ver­schwand auf die Toilette.

Trackbacks Kommentare
  • Bambam says:

    ohh mann krasse sache ja ich konnte dir in die­sem text echt nach­füh­len und kann nur sagen such dir n ande­ren job :D

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