Das Waisenhaus

Irgendwo in Spa­nien wol­len Laura und Car­los ein Kin­der­heim eröff­nen und wer­den dabei von der gespens­ti­schen Ver­gan­gen­heit des Ortes heim­ge­sucht. Das Wai­sen­haus ist ein gelun­ge­nes Hor­ror­drama ohne bekannte Gesichter.

Das mag in der Ein­lei­tung jetzt klin­gen wie jeder x-beliebige Hor­ror­film, in dem irgend­wel­che Leute in irgend­ein Haus zie­hen und dort irgend­wie von Geis­tern gemeu­chelt wer­den, aber keine Angst: Der Garant für Qua­li­tät heißt Guil­lermo del Toro, Regis­seur von Hell­boy, Blade II und Pan’s Laby­rinth, der hier als Pro­du­zent in Erschei­nung tritt. Und wenn del Toro seine Fin­ger im Spiel hat, wird es meis­tens phan­ta­sie­voll, unheim­lich und irgend­wie nicht von die­ser Welt.

Ein biss­chen anders ist das bei Das Wai­sen­haus schon. Zwar spürt man die füh­rende Hand von del Toro, der ein bemer­kens­wer­tes Gefühl für Atmo­sphäre hat, jedoch ist ist die Optik des Fil­mes sehr boden­stän­dig. Regis­seur Juan Anto­nio Bayona zeich­net sein Debüt in aus­schließ­lich har­ten Bil­dern, hohen Kon­tras­ten und kal­ten Far­ben: Der Him­mel ist stän­dig grau ver­han­gen, die Gesich­ter der Figu­ren sind asch­fahl und blut­leer. Kleine Lach­grüb­chen oder Fal­ten in der Haut wir­ken wie tiefe Risse, wie die sum­mierte und visua­li­sierte Anstren­gung eines gan­zen Lebens.

Obwohl Laura (Belén Rueda) eine recht attrak­tive Frau ist, wirkt sie im Fort­lauf des Fil­mes, als würde sie in Zeit­raf­fer altern. In dem leer­ste­hen­den Wai­sen­haus, in dem sie selbst ein­mal gelebt hat, möchte sie mit ihrem Mann Car­los (Fer­nando Cayo) und Sohn Simón (Roger Prín­cep) ein Heim für behin­derte Kin­der schaf­fen. Natür­lich ist Simón der Dreh– und Angel­punkt für das auf­kei­mende Paranor­male: Er wähnt nachts Gestal­ten vor dem Fens­ter, hört Geräu­sche und spricht mit unsicht­ba­ren Freun­den. Einer von ihnen, Tomás, wohnt in einer dunk­len Höhle am Strand, in der Nähe eines Leucht­turms. Klassisch.

Kin­der als Objekt der Angst sind ein fast schon über­stra­pa­zier­tes Motiv in Hor­ror­fil­men; spä­tes­tens seit The Ring oder Hide and Seek, in dem es eben­falls um unsicht­bare Freunde geht. Kin­der ste­hen stell­ver­tre­tend für ein Anders­den­ken, eine Offen­heit gegen­über der Phan­ta­sie, ein wun­der­sa­mes aus dem Nichts ent­stan­de­nes Leben, das auf ein­mal anfängt zu spre­chen und her­um­zu­lau­fen und die Welt mit Augen sieht, wie sie Erwach­sene nie wie­der haben wer­den. Und nicht zuletzt ste­hen sie für den Glau­ben an Geschich­ten, an das Mons­ter unter dem Bett oder den Schwar­zen Mann im Wand­schrank. Etwas, das wir alle ein­mal geteilt haben.

Als Simón spur­los ver­schwin­det und über Monate hin­weg nicht mehr auf­taucht, sucht Laura ver­zwei­fel­ten Rat bei einem Medium — einer alten Frau, die im Haus nach über­na­tür­li­chen Hin­wei­sen auf den Ver­bleib des Jun­gen sucht. “Sie müs­sen nicht sehen, um zu glau­ben”, sagt sie zu ihr, “son­dern glau­ben, um zu sehen.” Der Gru­sel­fak­tor, den Kin­der in ande­ren Hor­ror­fil­men dar­stel­len, ergibt sich bes­ten­falls als Neben­pro­dukt, ist also nicht Zen­trum des Gesche­hens. Viel bes­ser begreift man die klei­nen Men­schen als meta­pho­ri­sches Werkzeug.

Das Wai­sen­haus offen­bart mit Ruhe und Ein­dring­lich­keit die Geheim­nisse der Ver­gan­gen­heit und öffnet knar­zende Holz­tü­ren zu stau­bi­gen Zwi­schen­wel­ten. Dabei setzt der Film nicht auf Scho­ck­mo­mente, son­dern auf seine starke Atmo­sphäre, düs­tere, aber nicht bedrü­ckende Bil­der, und die sehr guten Dar­stel­ler. Ein ästhe­tisch schö­ner und emo­tio­nal klu­ger Bei­trag über unsere Angst vor dem, was wir als Kin­der ein­mal sehen konn­ten. Und davor, dass es viel­leicht doch Rea­li­tät war.

Closing Walls. Ticking Clocks.

Er ist’s! Der Som­mer. Wir bege­ben uns auf die Suche nach süßen, wohl­be­kann­ten Düf­ten, die ahnungs­voll das Büro strei­fen. Wie immer sind Ähnlich­kei­ten mit rea­len Per­so­nen oder Kol­le­gen nicht beab­sich­tig und rei­ner Zufall. Hust.

Auf dem Weg zur Arbeit roch es heute nach Frit­ten. Die BASF war mal wie­der Schuld. Der ganze Rhein schien ein ein­zi­ger Fluss aus Friteu­sen­fett zu sein und sie­dete in der auf­ge­hen­den Mor­gen­sonne vor sich hin, die schon so heiß war, dass ich mir ernst­hafte Sor­gen um die Pol­kap­pen machte. Die Auto­fah­rer wur­den völ­lig irre davon und ver­wan­del­ten sich von den schlei­chen­den Kaf­fee­zom­bies, die sie sonst waren, in ten­den­zi­ell sui­zi­dale Fluchtfahrer.

Trotz mei­nes gut moto­ri­sier­ten Fahr­zeugs wollte ich nicht an der anar­chi­schen Unruhe teil­neh­men und glei­tete auf der rech­ten Spur dahin, als von hin­ten ein Nis­san Micra dicht auf­fuhr. Auf dem Fah­rer­sitz saß eine junge Frau mit ent­schlos­se­nem Blick und benei­dens­wert mani­kür­ten Fin­ger­nä­geln, die sie in das Lenk­rad geschla­gen hatte wie eine Cobra ihre Zähne in eine Maus schlägt. Auf der Motor­haube bedrohte mich die Sil­hou­ette eines schwar­zen Skor­pi­ons. Aus irgend­ei­nem Grund rollte ich mit den Augen.

An die­sem Mor­gen schmeckte das Büro nach ver­brauch­ter Luft und einer Mischung aus abge­stan­de­nem Angst­schweiß und Urin. Woher der Uringe­ruch kam, konnte ich nicht fest­stel­len, doch er brachte mich zum Sin­nie­ren über die tran­szen­dente Wir­kung von Bahn­hof­stoi­let­ten. Ich öffnete ein paar Fens­ter, aus denen sich der Gestank lang­sam her­aus­quälte. Mit unge­fähr dem­sel­ben Tempo wie sich die ers­ten Kol­le­gen in die Firma hin­ein­quäl­ten, in den drit­ten Stock, jeder von ihnen eine schmie­rige Schweiß­spur nach sich ziehend.

Ich star­tete die Daten­bank und begann bald dar­auf, mich zu lang­wei­len. So rich­tig moti­viert war ich nicht, die Hitze hin­derte mein noch nicht kof­fe­i­nier­tes Gehirn am Den­ken und ließ die Räume enger wer­den. Ich brauchte Ablen­kung. Eine Sache, der ich dazu gerne nach­gehe, ist das Ärgern von Kol­le­gen. Unse­ren neuen Mit­ar­bei­ter zum Bei­spiel, denn neue Kol­le­gen sind noch unsi­cher im sozia­len Gehege der Firma und daher leichte Beute. Etwas unsport­lich, na gut, aber für den Moment reichte mir das.

Zuerst nahm ich ein Blatt Papier und schrieb auf die Rück­seite gut sicht­bar “Todes­liste”. Dann ging ich mit mög­lichst gleich­gül­ti­ger Miene zu ihm ins Büro. Wort­los blieb ich vor ihm ste­hen, bis er gele­sen hatte, was auf der Rück­seite des Blat­tes stand. Dann mus­terte ich ihn ein­dring­lich, wonach ich mit kon­zen­trier­tem Gesichts­aus­druck so tat, als würde ich sei­nen Namen notie­ren. Dann ging ich wie­der hinaus.

Im Ver­lauf des Arbeits­ta­ges stieg die Tem­pe­ra­tur auf 36° und ich ver­brachte mehr Zeit damit, meine Was­ser­fla­sche zu lee­ren und wie­der auf­zu­fül­len, als mit dem Arbei­ten an sich. Mir fiel auf, dass jedes Büro seine eigene Duft­marke hatte, die durch die Hitze noch inten­si­viert wurde. Sei es das beißend-männliche Bou­quet der IT-Abteilung, die sub­ver­siv bedroh­li­che Aura der Geschäfts­lei­tung oder der schwermütig-grüberlische Geruch des HTML-Experten. Dank zahl­rei­cher Ven­ti­la­to­ren und der bekann­ten Open Door-Policy ver­misch­ten sich auf dem Gang die ein­zel­nen Düfte zu einer Art Olf-Passat. Ich fragte mich kurz, was Möri­cke wohl für Gedichte geschrie­ben hätte, hätte er in einem Büro gearbeitet.